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Was versteht man unter Mutismus?

Der Begriff Mutismus ist, wie so viele Wörter, lateinischen Ursprungs und stammt von dem Wort “mutus”, was “stumm” bedeutet.

Wenn ein Mensch/Kind mutistisch ist, so ist er/sie trotz vorhandener organischer Fähigkeit zu sprechen, nicht in der Lage, sich in allen Situationen mit allen Menschen verbal, d.h. mit Worten, zu verständigen; es wird dann stattdessen geschwiegen.

Mutisten können also ganz normal sprechen, tun es aber nur in bestimmten Situationen und gegenüber einem bestimmten Personenkreis (z.B. innerhalb der Familie (Eltern, Geschwister). Dabei liegt das Problem meist nicht an und bei der mutistischen Person selber, sondern es ist die unbekannte, evt. angstauslösende/angstaufrechterhaltende Situation, die dafür sorgt, dass geschwiegen wird. Man spricht dann auch vom sogenannten Selektiven Mutismus. Hier finden Sie einen interessanten Beitrag dazu auf RTL!

In unserer Praxis hat sich Reiner Baltes auf die Behandlung dieses Störungsbildes spezialisiert. Dabei gibt es nicht DEN EINEN WEG, der zum Ziel führt und immer erfolgsversprechend ist. Allerdings ist der Ansatz schon meist sehr direkt, was viele Kindern und Eltern zunächst eher abschreckt/abschrecken kann. Aber will man wie bisher weiter Schweigen und dem Schweigen/schweigenden Kind weiter Raum und Platz schenken, oder will man aus dem Schweigen rauskommen?

Dieser Weg ist beschwerlich, konfrontativ und eckt vielleicht auch hier und da an, aber Veränderung kann unter Beibehaltung der alten Routinen nicht erreicht werden, dies muss allen Beteiligten klar sein.


10 FAQs zum Mutismus 

Wenn das eigene Kind sich nicht so verhält wie alle anderen Kinder, ist das Erschrecken in der Familie oft sehr groß. Warum schweigt mein Sohn oder meine Tochter in manchen Situationen? Zu Hause spricht mein Kind doch ganz normal! Wie können Eltern ihrem Kind helfen? Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die häufigsten Fragen beim Störungsbild Mutismus gegeben werden.

 

Frage 1: Was bedeutet überhaupt Mutismus?

Das Wort Mutismus wurde vom lateinischen "mutus" abgeleitet, was so viel wie "stumm" bedeutet. Genau genommen ist der Begriff "Mutismus" somit eigentlich falsch, denn Menschen, die unter Mutismus leiden, sind ja nicht stumm im Sinne von "nicht fähig zu sprechen". Wenn man einmal vom akinetischen Mutismus (auch posttraumatischen Mutismus) absieht, können eigentlich alle Menschen, die mutistisch sind, per mündlicher Sprache, d.h. Sprechen, kommunizieren. Sie tun es aber aufgrund einer starken Angst nicht. 

Frage 2: Wie erkennt man den Mutismus?

Gerade für die Eltern (s)elektiv mutistischer Kinder ist das eines der größten Probleme, denn meist sprechen diese Kinder ja in der vertrauten heimischen Umgebung ungehemmt mit allen Mitgliedern der Kernfamilie. Dass diese Kinder aber im Kindergarten oder in der Schule beharrlich schweigen, wenn sie von der Kindergärtnerin, einem Lehrer oder dem Hausmeister angesprochen werden, wird von den eigenen Eltern leider oft erst viel zu spät erkannt.

Deswegen die Empfehlung: Erkundigen Sie sich bitte immer detailliert danach, ob sich Ihr Kind auch im Kindergarten bzw. in der Schule kommunikativ normal verhält. Zeigt es dagegen eine oder mehrere der folgenden Auffälligkeiten, so ist eine erhöhte Aufmerksamkeit angebracht:

  • Schweigen gegenüber bestimmten Menschen, Menschengruppen oder in spezifischen Situationen.

  • Quantitativ leicht oder stark erhöhtes Kommunikationsverhalten zu Hause, das sich beim Erscheinen von fremden Personen oder in fremden Situationen schlagartig einstellt.

  • Angst, sich körperlich zu erproben (Fahrrad fahren, Schwimmen, Klettern).

  • Angst, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Sorge darum, wie man selbst auf andere wirkt.

  • Angst vor körperlicher Nähe zu Fremden, Angst alleine zu schlafen, gelegentliches Bettnässen. 

Frage 3: Ist mein Kind nur schüchtern oder mutistisch?

Schüchterne Kinder versuchen zwar auch manchmal, sich gegenüber Fremden oder in ungewohnten, als unsicher empfundenen Situationen, verbal zu entziehen. Sie antworten jedoch, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden, oder kommunizieren von sich aus, wenn sie sich sicher und der Situation gewachsener fühlen. Bei einem elektiv oder selektiv mutistischen Kind würde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder entscheiden nicht bewusst darüber, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation "selektiert" darüber, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält. 

Frage 4: Welche Ursachen kann der Mutismus haben?

Die große Mehrheit der mutistischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hat eine genetische Disposition zur Ängstlichkeit und Gehemmtheit. Man könnte sagen, sie haben die Tendenz, auf ungewohnte Situationen und fremde Personen extrem ängstlich und kommunikativ verschlossen zu reagieren, als Anlage geerbt. Diese Kinder zeigen sehr oft schon im Kleinkindalter typische Angstsymptome wie Trennungsangst von den Eltern, extrem klammerndes Verhalten vor allem gegenüber der Mutter, wenig Drang zur körperlichen Bewegung, Einschlafstörungen, Launenhaftigkeit, Wutanfälle, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es wollen, sowie regelrechte Weinanfälle. 

Mit Beginn des Kindergartenalters, in dem man anfängt, sich zunehmend auch außerhalb der Familie sozial zu engagieren, manifestiert sich ihre fortdauernde Rede- und Kommunikationsangst als Mutismus, gepaart mit Symptomen wie starre Körperhaltung, leerer Gesichtsausdruck, Vermeidung der Blickfixierung, fehlendes lautes Lachen, Weinen und Husten. 

Jüngere Forschungen haben weiterhin gezeigt, dass Kinder, die ein sozial gehemmtes Verhalten zeigen, über eine verringerte Reizschwelle ihres Angstzentrums im Gehirn, der so genannten "Amygdala", verfügen. Die Amygdala (auch Mandelkern) sendet neuronale Impulse aus, sobald sich ein Mensch in einer potenziellen Gefahrensituation befindet. Diese helfen dem Einzelnen, sich vor der Gefahr besser zu schützen, schnell aus einer gefährlichen Situation zu flüchten oder durch Veränderungen des Stoffwechsels die Aufmerksamkeit der Sinne zu schärfen. Bei extrem ängstlichen Menschen, also auch bei Mutisten, scheint dieses Angstzentrum viel heftiger zu reagieren, als es eigentlich zum Selbstschutz nötig ist. Es suggeriert dem Betroffenen eine Angstsituation, die eigentlich gar nicht existiert. Der Angstreflex ist zu fein justiert.

Bei Kindern mit (s)elektivem Mutismus werden die Angstreaktionen durch soziale Interaktionen wie Spielplatz, Schule oder durch soziale Zusammenkünfte ausgelöst. Auch wenn es scheinbar keinen logischen Grund für diese Ängste gibt, sind die Gefühle für das Kind äußerst real. Zum Vergleich: Eine Person mit einer Spinnenphobie empfindet reale, lähmende Angst, wenn sie gezwungen wird, eine Spinne zu sehen oder gar anzufassen. Diese Person kann gedanklich durchaus verstehen, dass die Spinne harmlos ist, aber auch noch so viele Erklärungen werden die Ängste und die körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, verschwitzte Handflächen, Harndrang und den starken Vermeidungswunsch der angstauslösenden Situation, nicht verringern.

Im Laufe der Zeit wird ein Kind mit Mutismus stumm aufgrund des Unvermögens, mit dem beängstigenden Gefühl umzugehen, das entsteht, wenn es einer Sprachanforderung ausgesetzt ist. Außer genetischen und biologischen Faktoren geht man gegenwärtig auch von weiteren komorbiden Einflüssen aus. So zeigt die Forschung, dass eine bedeutende Anzahl von (s)elektiv mutistischen Kindern Sprach- und Sprechstörungen aufweist. Darüber hinaus kommen ca. 21% der Betroffenen aus einem zweisprachigen Umfeld. Ein stressreiches Umfeld kann ebenfalls ein Risikofaktor sein. Keinen Beleg gibt es allerdings dafür, dass die Ursache des Mutismus mit Missbrauch oder einem Trauma zu tun hat. Es ist wichtig, diesen Punkt zu betonen, weil diese Vermutungen in der Vergangenheit favorisiert wurden und leider bis heute noch präsent sind. 

Die letztgenannte Auffassung ist oft sehr schädlich für Hilfe suchende Familien. Obwohl keine wissenschaftlichen Studien für einen signifikant gehäuften Missbrauch existieren, sind einige Eltern fälschlicherweise des Missbrauchs angeklagt worden oder dazu gebracht worden, sich unter Verdacht zu fühlen. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Kinder mit (s)elektivem Mutismus nicht häufiger Opfer sexueller Gewalt wurden als Kinder, die altersgemäß kommunizieren. 

Frage 5: Wer diagnostiziert den Mutismus?

Die Diagnose Mutismus wird normalerweise vom Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen erstellt. Hierbei sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass selbst unter diesen Ärzten die Störung Mutismus noch relativ unbekannt ist. Nicht selten mussten Kinderärzte erst durch die Eltern über den Mutismus informiert werden. Häufiger bekannt ist der Mutismus bei Sprachtherapeuten. Die Sprachtherapie gehört seit Anfang der 90er Jahre neben der Psychiatrie und Psychologie als dritte Disziplin zu den Fachrichtungen, die Mutismus diagnostizieren und Schweiger behandeln.

Frage 6: Die Diagnose Mutismus ist gestellt. Wie geht es nun weiter?

Der Mutismus ist ein anerkanntes, eigendynamisches Störungsbild mit gravierenden psychosozialen Konsequenzen. Damit das betroffene Kind nicht in eine Lebenssackgasse gerät, sollte früh mit einer Behandlung begonnen werden. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit der sozialen Situation, auch wenn die Kinder im Kindergarten- bzw. Grundschulalter aufgrund ihrer sensiblen, defensiven Wesensart durchaus beliebt sein können. 

Spätestens im Jugendalter gerät der mutistische Schüler in eine Außenseiterposition, wird er zum Fremdkörper im eigenen Klassenverband. Auf der weiterführenden Schule entwickelt sich der Mutismus zudem zu einem ausgeprägten Schulproblem. Reduzierte Schulabschlüsse und Berufsperspektiven sind in der Regel die Folge. Und schließlich: Ab der Pubertät, so die Erfahrung aus der Praxis, steigt die Kurve der Kombination von Mutismus und Depression sowie von Mutismus und Sozialphobie (häufig auch Schulphobie) steil an. 

Eine erhöhte Suizidalität ist nicht selten. Damit eine derartige gesamtpersonale Gefährdung gar nicht erst entsteht, sollte bereits im Kindergartenalter mit einer Therapie begonnen werden. Befindet sich der Betroffene im Schulalter, so gilt für jede Stufe (Primarstufe, Sekundarstufe I und II) die Notwendigkeit einer schulbegleitenden Therapie. Wichtig: Auch im Erwachsenenalter ist eine Überwindung des Mutismus möglich. 

Frage 7: Spieltherapie, Familientherapie, Sprachtherapie, Verhaltenstherapie, Psychiatrie. Wer blickt da noch durch?

Generell gilt: Die Therapieform richtet sich nach der abgeleiteten Primärätiologie (Erst- bzw. Hauptursache). Wird der Mutismus als Folge eines frühkindlichen Traumas interpretiert (leider noch häufig), so wird in der Regel eine analytische Spieltherapie empfohlen mit dem Ziel, diese verdeckte seelische Verletzung spieltherapeutisch aufzuspüren. Nimmt man dagegen einen latenten oder offen ausgetragenen Konflikt innerhalb der Familie an, so stellt die Familientherapie mit der Aufarbeitung der jeweiligen Beziehungsdynamik sowie der Aufdeckung von Ehekrisen und unbewussten Projektionsmechanismen zwischen den Generationen die geeignete Therapieform dar. 

Die Sprachtherapie unterscheidet sich von den beiden erstgenannten Vorgehensweisen dadurch, dass sie nicht rückwärtsgewandt nach Traumata bzw. Konflikten in der Entwicklung der Schweiger sucht. Sprachtherapeutisches Handeln impliziert die aus der Familien- und Patientenanamnese ableitbare Annahme, dass es sich bei Mutismus um ein dispositionell bedingtes übersteigertes Angstempfinden handelt, das von Beginn der Entwicklung an den betroffenen Menschen in seiner sozialen und vor allem kommunikativen Entfaltung einschränkt.

Der Ist-Zustand des Betroffenen wird damit zum Ausgangspunkt einer in kleinen Schritten vorgenommenen Neukonfiguration von Sprechen und emotionaler Bewältigung von sozialen Situationen (in der Gruppe). Dabei wird folgende Didaktik berücksichtigt: Der Betroffene macht zunächst Geräusche nach oder sagt dem Therapeuten den Anfangsbuchstaben eines Bildsymbols. Es folgen Silben, später Ein-Wort-Antworten, dann kurze bzw. längere Sätze, schließlich das Vorlesen und der Schritt vom zielorientierten zum freien Sprechen. In der Endphase der Behandlung wird die Praxis verlassen und die Bewältigung von realen Alltagssituationen geübt (In-vivo-Therapie).

Die Verhaltenstherapie geht beim Mutismus von einem erlernten Verhalten aus, das sich durch neue Verhaltensmuster auch wieder verlernen lässt. Durch ein ebenfalls kleinschrittiges oder konfrontatives Vorgehen erfolgt eine Angstdesensibilisierung, um gefürchtete Situationen besser bewältigen zu können (siehe auch Fading und Shaping bei der Sozialphobie). Die Psychiatrie nimmt hinsichtlich der Entstehung des Mutismus neurobiologische bzw. biochemische Faktoren an (s.o.). 

Durch spezielle Antidepressiva, die auf den Serotoninstoffwechsel einwirken, können Ängste reduziert werden. In den letzten Jahren mehren sich die Erfolge einer sprachtherapeutischen Behandlung, die im Jugend- und Erwachsenenalter, wenn erforderlich, medikamentös unterstützt werden kann. Die Entscheidung für eine der o.g. Therapieformen sollte, wie anfangs dargestellt, immer ursachengeleitet vorgenommen werden. Ein alleiniges Sich-Ausprobieren am Schweigenden ist strikt abzulehnen und fördert das ohnehin schon vorhandene Misstrauen gegenüber selbst ernannten "Fachleuten".

Frage 8: Hilft Homöopathie gegen Mutismus?

In jenen Fällen, in denen homöopathische Mittel erfolgreich eingesetzt wurden, erwiesen sich angstlösende Konstitutionsmittel als effizient.

Frage 9: Gibt es Medikamente, die helfen können?

Bei der Einbettung des Mutismus in eine schwere Depression und/oder Sozialphobie kann eine Indikation für einen Einsatz so genannter selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI = Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) bestehen. Diese spezielle Gruppe der Antidepressiva führt zu einem Anstieg des Botenstoffs Serotonin im Hirnstoffwechsel, dessen zu niedrige Konzentration mit Depressionen, Angsterkrankungen, Aggressivität, Zwangsstörungen, Impulskontrollstörungen, Persönlichkeitsstörungen (Borderline), posttraumatischen Belastungsstörungen, Suizidalität und schizophrenen Psychosen in Verbindung gebracht wird. Eine medikamentöse Flankierung sollte immer in einen gesamten Behandlungsplan integriert werden.

Frage 10: Die Angst überwinden, indem man sich ihr aussetzt?

Was zunächst wie ein völliger Widerspruch klingt, ist tatsächlich eine häufige Behandlungsmethode, eine Angststörung zu therapieren. In der Psychologie nennt man das entweder "Angstreduktion durch systematische Desensibilisierung" oder, je nach Intensität, "Konfrontationstherapie". Indem der Betroffene systematisch und durch Lob unterstützt regelmäßig den angstauslösenden Situationen ausgesetzt wird, erfolgt sukzessive eine Hinführung zur Unempfindlichkeit.

Fazit:

Mutismus muss kein Schicksal sein. Wenn er rechtzeitig therapiert wird, sind die Chancen, ihn zu überwinden, gut bis sehr gut. Wichtig dabei ist es, alle Menschen, die mit dem mutistischen Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun haben, umfassend über dieses Störungsbild zu informieren. Genau aus diesem Grund wurde die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. 2004 ins Leben gerufen. Bitte helfen Sie uns, diese umfassende und schwierige Aufgabe wahrzunehmen. So können Sie unserem Verein z.B. beitreten oder uns finanziell oder ideell unterstützen.

Aus:
Hartmann, B.; Lange, M. (2007): Mein Kind hat Mutismus. Die zehn wichtigsten Fragen. Das Mutismus-Jahrbuch 2007. Neuss: Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. (s. Publikationen)